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Fritz Reinboth: "" Ein Beitrag zur Geschichte der Paläontologie und zur Leibnizforschung |
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| up | Leibniz, Guericke und das Einhorn
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Für Guericke waren die in die Erde versunkenen Knochen der Beweis für ein Wachstum der Erde ("praesumendum, tellurem ut alia corpora viventia incrementum adsumere"), wie ja auch das antike Rom heute tief in der Erde liege, während man früher zum Pantheon hinaufsteigen musste. Dass Guericke die Länge des Hornes (wahrscheinlich eines Mammutstoßzahns) kühn mit 5 Ellen angibt (fast 3 Meter!), lässt vermuten, dass er diese Fossilien nicht selbst gesehen hat, sondern nach einem Bericht schrieb. Leibniz kompilierte in seiner "Protogaea" die damals verbreiteten Ansichten über das Einhorn. Den von Guericke fast wörtlich übernommenen Ausführungen über den Quedlinburger Fund gibt er eine Rekonstruktion dieses Tieres als Kupferstich bei, die sich bei Guericke nicht findet (Abb.l). Es trifft also nicht zu, wenn z.B. Jacob-Friesen in seinem 1926 erschienenen Führer durch die Einhornhöhle von einer "Rekonstruktion Guerickes" spricht (Jacob-Friesen 1926:20). Erst der Herausgeber der deutschen Ausgabe der "Experimenta nova" fügt im Anhang Leibniz' Rekonstruktion ein (Guericke 1968:285). Die Quelle seiner Zeichnung gibt Leibniz allerdings leider nicht an. Nach dem Zitat aus Guerickes Buch schreibt er: "Dasselbe ist mir ausführlich mitgeteilt und eine Abbildung beigefügt worden, die beizugeben nicht unpassend sein dürfte" (eadem ad me perscripta sunt, additaque est figura, guam subiicere non alienum erit). Offenbar erhielt also Leibniz unabhängig von Guerickes gedrucktem Bericht, der ihm vorlag, eine weitere Fundbeschreibung, welcher die Zeichnung beigefügt war. Mit dieser "figura" sind also Leibniz und Guericke zu Unrecht in die Geschichte der frühen Paläontologie eingegangen. Beide galten bisher unumstritten als Schöpfer dieser ersten bekannten Rekonstruktion eines Tierskeletts aus Einzelfunden. Es handelt sich wirklich um eine Rekonstruktion, denn die frühen Erwähnungen eines "Sceleti" sind irreführend: es wurde natürlich kein Einhornskelett gefunden, sondern immer nur einzelne Knochen. Wenn auch das hier kühn rekonstruierte Einhorn längst der Fabel zugewiesen wurde, so bleibt diese erste Rekonstruktion der Paläontologie tatsachlich eine Pionierleistung.
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Einhorndarstellung aus der "Protogaea" von G.W.Leibniz (gedruckt 1749) |
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Valentinis Unicornu fossile
Goeze verweist auf eine 1714 erschienene Schrift von Michael Bernhard Valentini, die auf S. 481 eine Kupfertafel zum Thema "Einhorn" enthält (Abb. 2). Neben dem Unicornu officinale - einem Narwalzahn - ist ein Narwal als Unicornu marinum , ein pferderähnlicher Vierbeiner mit einem Horn auf der Stirn als Unicornu fictitium und ein Unicornu fossile dargestellt. Dieser Kupferstich vom Unicornu fossile ist nun fast identisch mit der Leibniz zugeschriebenen Rekonstruktion. Ohne Belang ist die durch die Reproduktionstechnik beim Kupferstich bedingte Spiegelbildlichkeit. Der einzige wirklich relevante Unterschied ist, dass Leibniz seiner Zeichnung den 6 vorhandenen Rückenwirbeln mit den vermeintlichen Rippen (in Wirklichkeit die übertrieben groß gezeichneten Dornfortsätze der Wirbel (Jacob-Friesen 1926:20) andeutungsweise 5 weitere hinzugefügt hat, die in der Darstellung Valentinis fehlen. Die Priorität Valentinis ist aber trotz des früheren Erscheinens seiner Schrift (1714) gegenüber der Protogaea (1749) keineswegs sicher. Da Leibniz schon 1716 starb und das Manuskript der Protogaea hinterließ, ist der darin befindliche Stich wahrscheinlich der ältere. Allein die vergleichsweise primitive Darstellung vor allem des Schädels bei Valentini lässt vermuten, dass eher seine Zeichnung ein Plagiat ist als umgekehrt. Das eigentliche Einhorn ist allerdings bei Valentini einem Mammutstoßzahn (um den es sich wohl hier handelte) weit ähnlicher als bei Leibniz, der es sehr idealisiert hat. Auch sonst ist Valentinis "Museum museorum" eine Kompilation älterer Quellen. So ist seine Zeichnung des Narwals eine spiegelbildliche Kopie aus Gesners Tierkunde von 1565 (Beer 1977:182). Es wäre auch unwahrscheinlich, dass Leibniz zwei Jahre vor seinem Tode noch schnell den gerade erschienenen Entwurf Valentinis neu stechen ließ und dem Protogaea-Manuskript ohne Quellenangabe eingefügt hat.
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Abb. 2: Einhorndarstellungen aus Valentinis "Museum
museorum", 1714. Links das im Seweckenberg bei Quedlinburg gefundene
angebliche Skelett. Vorlage und Repro: Herzog August Bibliothek, Wolfenbüttel |
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Zur Urfassung der Einhorn-Rekonstruktion
Vielleicht war es ein bisher nicht wieder aufgefundenes Traktat auf das Goeze verweist und dessen Verfasser Johann Mayer ein damals namhafter Astronom und Kämmerer in Quedlinburg sowie Herausgeber eines Quedlinburger Kalenders war, der offenbar aus erster Hand über den Fossilfund berichtet hat. Auch Valentini kannte offensichtlich dieses Traktat Mayers, in der "das Sceleto, so vor diesem im Sebichenberg vor Quedlinburg also gefunden [...] nachmahlen von Johann Mäyern Astronomo und Camerario zu Ouedlinburg beschrieben worden" (Valentini 1714:483, Goeze 1786:11). Ein Hinweis auf eine Abbildung in Mayers Schriftchen findet sich allerdings weder bei Goeze noch bei Valentini. Das somit weder von Guericke noch Leibniz rekonstruierte "Einhornskelett" wurde vielfach mit der Einhornhöhle bei Scharzfeld in Verbindung gebracht, zuerst in dem erwähnten Führer von Jacob-Friesen. Aber weder bei Leibniz noch einem anderen der genannten Autoren findet sich im Zusammenhang mit dem Skelett ein Hinweis auf die Einhornhöhle; Leibniz verweist korrekt auf dessen Quedlinburger Fundort: Die Schilderung seines Besuchs der Einhornhöhle folgt erst im nächsten Kapitel der Protogaea. Die Suche nach der "Urfassung" der durch Leibniz und Valentini überlieferten Einhorn-Rekonstruktion bleibt eine ungelöste Aufgabe. |
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Dank Literatur Beer, R.R. (1977): Einhorn - Fabelwelt und Wirklichkeit. - München 1977. Gesner, C. (1663): Tierbuch.- Zünch Goeze, J.A.E. (1786): Ueber das vermeynte bey Quedlinburg gefundene Einhorn.- Quedlinburg Gresky, W. (1968): Beschreibung der Einhornhöhle von 1663.- Heimatkalender des Kreises Osterode und des Südwestrandes des Harzes: 25-26 von Guericke, 0. (1672): Experimenta nova (ut vocantur) Magdeburgica de vacuo spatio.- Amsterdam von Guericke, 0. (1968): Neue (sogenannte) Magdeburger Versuche über den leeren Raum.- Übersetzt und herausgegeben von Hans Schimank.- Düsseldorf Jacob-Friesen, K.H. (1926): Die Einhornhöhle bei Scharzfeld, Kreis Osterode am Harz.- Hannover (= Führer zu vorgesch. Fundstätten in Niedersachsen 2) Leibniz, G.W. (1749): Protogaea sive de prima facie telluris et antiquissimae historiae vestigiis [...].- Göttingen. Leibniz, G.W. (1749a): Protogaea oder Abhandlung von der ersten Gestalt der Erde und den Spuren der Historie in den Denkmalen der Natur.- Aus seinen Papieren herausgegeben von Christian Ludwig Scheid. Aus dem lateinischen ins teutsche übersetzt.- Leipzig und Hof (Diese frühe deutsche Ausgabe der Protogaea ist nicht fehlerfrei, z.B. S. 103 "Lutter am Barenberge" statt "Lutterberg") Lommatzsch, H. (1968): Erstberichte über Höhlen am Südwestrande des Harzes.- Heimatkalender des Kreises Osterode und des Südwestrandes des Harzes: 22 - 24 Valentini, M.B. (1714): Museum museorum oder vollständige Schaubühne aller Materialien und Specereyen, nebst deren natürlichen Beschreibung, Election, Nutzen und Gebrauch [...].- Frankfurt am Main.
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